Skip to content

Reaktionen von Ostschweizern nach der Niederlage von Markus Ritter

«Es war eine Anti-Ritter-Wahl»: Emotionen und Erklärungen von Ostschweizern nach der Niederlage von Markus Ritter

 

Es war kein St.Galler Tag in Bern: Markus Ritters Ritt wurde abrupt gebremst. Als erster ins Rennen gestiegen, lange als Favorit gehandelt und dann als Verlierer vom Platz gegangen – so verarbeiten und analysieren Weggefährten, Politikerinnen und Politiker seine Niederlage.

 

Er ist um 5 Uhr aufgestanden. Wie immer. Er ist ins Bundeshaus geeilt. Wie immer. Als Nationalrat. Vier Stunden später gibt Markus Ritter eine Medienkonferenz. Noch immer als St.Galler Mitte-Nationalrat. Vorbei der Traum vom Bundesrat. Es war ein kurzer, heftiger Traum. Um gut 9 Uhr war er bereits ausgeträumt.

Und dann steht Ritter plötzlich unbeachtet im Nationalratssaal. Während der neu gewählte Bundesrat Martin Pfister in einem Pulk von Medienleuten davonzieht – und Ritter ihnen nachschaut. «Ein harter Moment. Er wirkte gefasst, aber etwas angestrengt», wird der St.Galler SVP-Nationalrat Michael Götte später sagen. «Danach ging Ritter sofort wieder zur Sachpolitik über: Nun müssten sie alle zusammen schauen, wie man das VBS wieder auf Kurs bringt. Verbal war er sofort wieder der alte Macher», so Götte. Die einen nennen es verbissen. Die anderen pflichtbewusst. Eine Eigenschaft, die St.Gallerinnen und St.Gallern gerne zugeschrieben wird.

Kurz zuvor hatte die Loge der Zuger Delegation gebebt. Unüberhörbare Jubelschreie. Strahlende Gesichter. «Unglaublich.» «Einfach nur schön». Familie und Freunde des neu gewählten Bundesrats Martin Pfister liegen sich in den Armen. Freude pur.

Und in der St.Galler Loge nebenan? Mucksmäuschenstill. Kein noch so winziges Geräusch dringt nach draussen. Fast scheint es, als sei die St.Galler Delegation erstarrt. Dann öffnet sich die Tür. Ernste Gesichter. Boris Tschirky, Mitte-Fraktionschef im St.Galler Kantonsparlament, findet als einer der ersten die Sprache wieder. Klar sei er enttäuscht. «Aber so ist die Politik, es gibt Gewählte und Nichtgewählte.» Wie erklärt er sich den deutlichen Rückstand? «Es ist müssig, darüber zu spekulieren.»

Anders SVP-Nationalrat und St.Galler Parteipräsident Walter Gartmann: «Das war ganz klar eine Anti-Ritter-Wahl», sagt er beim Apéro nach der Wahl. «Wer so viel arbeitet wie Markus Ritter, der eckt auch an.» Sagts und schiebt sich eine Gabel Ghackets mit Hörnli in den Mund. Serviert in der Gamelle. Immerhin Markus Ritters Lieblingsessen.

Michael Götte stösst dazu: «Wer Erfolg hat wie Markus Ritter, schafft sich Feinde. Diese waren offensichtlich in der Überzahl.» Der Kreis der St.Galler SVP-Nationalräte erweitert sich um Mike Egger. Angesprochen auf die Gründe für Ritters Nichtwahl meint er: «Vielleicht haben seine klare Strategie und die starke Vernetzung im Parlament Bedenken bei einigen Parlamentariern ausgelöst, dass er zu viel Einfluss bekommen hätte.» Wahrscheinlich hätten auch einige Parlamentsmitglieder eine andere Prioritätensetzung oder eine andere Vision für das VBS bevorzugt. Egger verabschiedet sich ans Buffet.

 

Nach seiner Nichtwahl: Markus Ritter im Gespräch mit Franziska Steiner-Kaufmann, Parteipräsidentin der St.Galler Mitte.

Nach seiner Nichtwahl: Markus Ritter im Gespräch mit Franziska Steiner-Kaufmann, Parteipräsidentin der St.Galler Mitte.

Bild: Anthony Anex/Keystone

 

Dort nimmt der Andrang merklich zu. Die St.Galler Bratwürste kommen gut an. Nicht nur bei den St.Galler Gästen. Für Nachschub ist gesorgt. Ein Mitarbeiter balanciert mit einer Wanne frisch gebratener Würste durch die dicht stehenden Politikerinnen und Politikern.

 

«Damit lässt sich kein Blumentopf gewinnen»

 

Das Geheimnis feiner Würste verraten wir nicht. Ein offenes Geheimnis ist hingegen, dass Ritter bei Links-Grün wenig Sympathien geniesst – und kaum mit deren Unterstützung rechnen konnte. Götte formuliert es so: «Als konservativer Bauer aus dem ländlichen Raum verkörpert Markus Ritter fast alles, was den Linken im Parlament gegen den Strich geht.» Hinzu kämen seine bestimmende Art und sein forsches Auftreten. Damit sei im Gmögigkeits-Wettbewerb kein Blumentopf zu gewinnen.

Die St.Galler SP-Nationalrätin Barbara Gysi lässt sich nicht auf derartige Äusserungen ein. Sie sagt: «Martin Pfister bringt eine grosse Erfahrung als Regierungsrat mit und wird als integrierende Persönlichkeit wahrgenommen. Mit seiner besonnenen Art wird er die grossen Herausforderungen im VBS mit Bedacht angehen, aber dann klar handeln.» Die Mehrheit habe mit Pfister jemanden gewählt, der «die Schweiz mit einer offenen Haltung in den grossen geopolitischen Fragen vertreten wird».

 

Die St.Galler Delegation auf den Treppen des Bundeshauses in Bern.

Die St.Galler Delegation auf den Treppen des Bundeshauses in Bern.

Screenshot: Video Sarah Wagner

 

Eine solch grosse Differenz hätte sie nicht erwartet, hatte Franziska Ryser, St.Galler Nationalrätin der Grünen, schon nach dem ersten Wahlgang gesagt. Dieses Resultat für Pfister sei wohl nur mit einer gewissen Anzahl SVP-Stimmen erreichbar gewesen, «anders ist das fast nicht zu erklären».

Gartmann dementiert postwendend: «Ritter hat über 70 Stimmen von uns erhalten.» Einen oder zwei Abweichler gebe es immer.

 

Wo Würth die Abtrünnigen ausmacht

 

Der St.Galler Mitte-Ständerat Benedikt Würth vertritt eine andere These als Ryser: «Wir sind natürlich enttäuscht. Offensichtlich hatte Martin Pfister in der FDP grosse Unterstützung. Das konnte man so nicht unbedingt voraussehen.»

Die Frage geht daher an Susanne Vincenz-Stauffacher. «Ich nehme das Resultat zur Kenntnis», antwortet die St.Galler FDP-Nationalrätin. Mehr lässt sie sich nicht entlocken. Sie habe sich seit Bekanntgabe von Ritters Kandidatur nicht dazu geäussert und ziehe dies auch am Wahltag durch. Über ihre Gründe lässt sich nur spekulieren. Frauenanliegen? Umweltfragen?

 

«Er wäre der richtige Mann am richtigen Ort gewesen», sagt die St.Galler Regierungspräsidentin Susanne Hartmann.

«Er wäre der richtige Mann am richtigen Ort gewesen», sagt die St.Galler Regierungspräsidentin Susanne Hartmann.

Screenshot: Video Sarah Wagner

 

Offener zeigt sich die St.Galler Regierungspräsidentin Susanne Hartmann, auch sie Mitglied der Mitte: Sie seien in Umweltfragen längst nicht immer einer Meinung – Markus Ritter und sie. Dennoch: «Er wäre der richtige Mann am richtigen Ort gewesen.» Doch die Ostschweiz und der Kanton St.Gallen gingen trotz Niederlage im Bundesrat nicht verloren. «Wir sind dankbar, haben wir mit Karin Keller-Sutter einen direkten Draht nach Bern. Ein zweiter Bundesrat wäre das Tüpfchen auf dem i gewesen.»

 

«Ein offenes Buch»

 

Unter den Gästen am Apéro ist auch Margrit Kessler, ehemalige Rheintaler GLP-Politikerin. Zeitgleich mit Markus Ritter war sie 2011 in den Nationalrat gewählt worden. «Ich habe damals nie mit ihm und für die Bauern gestimmt.» Aber als VBS-Chef hätte sie ihn gerne gesehen. «Ritter hätte in dieser Position etwas erreicht.» Warum hat es nicht geklappt? «Wer so dominant ist, hat auch viele Feinde.»

Ritter sei im Wahlkampf «ein offenes Buch» gewesen, sagt Franziska Steiner-Kaufmann. «Er blieb authentisch bis zum Schluss.» Und: Ritter habe «immer beide Schienen offen gehalten – Wahl und Nichtwahl». So habe er auch am Mittwochmorgen «beide Dossiers» bereitgelegt, sagt die St.Galler Mitte-Präsidentin. Fix war an diesem Tag nur eines: Am Abend geht das Wahlteam mit Ritter essen.

«Als Ostschweizer blutet einem natürlich das Herz», sagt der Thurgauer Mitte-Nationalrat Christian Lohr. Aber es fange jetzt keine schlechte Zeit für die Schweiz an, weil Ritter nicht gewählt sei.

 

Heidi Ritter: «Jetzt ist es so»

 

Ehefrau Heidi Ritter (2.v.r.) auf der Tribüne des Nationalratssaals.

Ehefrau Heidi Ritter (2.v.r.) auf der Tribüne des Nationalratssaals.

Screenshot: Youtube/Das Schweizer Parlament

 

Ein vorgegebenes Protokoll für die Verliererdelegation gibt es nicht. Noch schnell ein Foto vor den drei Eidgenossen im Bundeshaus. Und vorbei ist der Vormittag, der zu keinem St.Galler Tag wurde. Heidi Ritter verlässt allein den Apéro. Als Frau Ritter. Nicht als Ehefrau eines Bundesrats. Betrübt? «Jetzt ist es so.» Ernüchternd sei es schon. Doch sie hätten immer gesagt: Es gibt einen Plan A und einen Plan A. Entweder hat die Familie am Abend einen Bundesrat im Haus oder es bleibt, wie es ist – «und beides ist gut».

Dazu passt, dass Ritter am Nachmittag wieder als Nationalrat an der Session teilnimmt. Kein Durchatmen? Kein Verdauen des eben Erlebten? Heidi Ritter schüttelt den Kopf. So sei ihr Mann nicht.

 

Der nächste Wettbewerb, die nächste Chance

 

Am Abend steht der nächste Wettbewerb an: das Parlamentarier-Jassturnier. Ob St.Gallen an diesem Tag doch noch einen Sieg einfährt? Ausgeschlossen ist es nicht. Ständerätin Esther Friedli werden gute Chancen nachgesagt. Genauso wie Ambitionen beim Rücktritt eines SVP-Bundesrats. Zwei St.Gallerinnen in der Landesregierung? An diesem Tag sind alle Träume erlaubt. Erst recht nach dieser Niederlage.

 

Weitere News

An den Anfang scrollen