Skip to content

Edgar Oehler: Würdige Trauerfeier in Balgach

«Ich kann das!»: Edgar Oehlers «Sturmlauf durchs Leben» endet mit einer würdigen Trauerfeier

 

Ein Prachtstag zum Abschied von einem der schweizweit bekanntesten Ostschweizer: Am Mittwoch nahm in der katholischen Kirche Balgach eine grosse Trauergemeinde Abschied vom Unternehmer und Politiker Edgar Oehler.

 

Wolkenlos blauer Himmel, Bluescht und schneebedeckte Berggipfel. An einem solch prächtigen Vorfrühlingstag hätte Edgar Oehler wohl frohgemut seinen liebsten Rheintal-Spaziergang gemacht, von der Diepoldsauer Rheinbrücke zum Zollamt Schmitter, je nach Lust und Laune ein Zwei- oder Vierstünder, wie er es dem «Rheintaler» auf einem Sommerlauf erzählte. Das war 2012, nachdem er die lebensbedrohliche Blutvergiftung und weitere Schicksalsschläge in der Familie verwunden hatte und wieder im Saft war. «Gesund und lange leben», wünschte er sich damals.

 

Der Wunsch blieb Oehler nur bedingt vergönnt, fünf Jahre später erlitt er eine Alzheimer-Erkrankung, die ihn schwächte und ihm schliesslich alle Lebensenergie raubte; am 13. März ist er kurz nach seinem 83. Geburtstag im Spital Altstätten verstorben. Die Beerdigung hatte er längst bis ins Detail vorbereitet, nun muss ihn an diesem Mittwoch auch der Wettergott erhört haben: Auf dem Hügel der katholischen Kirche Balgach, unweit von Oehlers Familiensitz Grünenstein, zeigt sich das Rheintal von seiner ungetrübt schönsten Seite.

 

Hunderte Weggefährten aus Politik, Wirtschaft und Verbänden

 

An einem solchen Tag müsse man sich nicht wundern, warum Edgar Oehler dem Dorf, wo seine Familie seit 650 Jahren ansässig ist, zeitlebens treu geblieben sei, meint ein Trauergast auf dem steilen Weg zur Kirche. Typisch Oehler war aber nicht nur seine Verbundenheit mit der Rheintaler Scholle, sondern auch seine Weltoffenheit. Da passt es bestens ins Bild, dass ein Pfarrer mit indischen Wurzeln die Abdankung zelebriert: Georg Changeth, Kaplan in Widnau, stammt aus Kerala – quasi aus der Nachbarschaft Sri Lankas, wo Oehlers vier Adoptivtöchter aufwuchsen, bevor sie 1980 in die Schweiz kamen.

Das Wirken des Verstorbenen in der grossen und der kleineren Welt bezeugt eine grosse Trauergemeinde: Hunderte Bekannte aus dem Rheintal und der Ostschweiz sind erschienen, Politiker, Wirtschaftsleute, Handwerker, Freunde, manche auch von weiter her, aus Bern, Disentis oder Stuttgart. Darunter ehemalige CVP-Politiker wie die Nationalräte Arthur Löpfe (AI), Dumeni Columberg (GR), Thomas Müller (SG) und Regierungsräte von Peter Schönenberger bis zu Bruno Damann, der die aktuelle St.Galler Regierung vertritt. Aufgrund der laufenden Session lassen sich indes die meisten Bundesparlamentarier entschuldigen – mit Ausnahme von Michael Götte.

 

Mit keckem Lebensmotto «Ich schaffe das!» viel geschafft

 

SVP-Nationalrat Michael Götte, Tübacher Gemeindepräsident und aus einer dortigen CVP-Familie, obliegt als einzigem nichtkirchlichen Redner die Würdigung von Edgar Oehlers Leben. Als beruflicher «Ziehsohn» Oehlers und langjähriger Projektleiter in dessen Firma Hartchrom hat Götte den unermüdlichen «Chrampfer» und «Macher ohne Wenn und Aber» nah begleitet und ist der Familie bis heute verbunden. Die Schlagzeile «Das Unikum» habe sein Mentor und Vorbild schon in der Summe von «35 Jahre Unternehmertum, zwei Dutzend Jahre Parlamentarier, ein Dutzend Jahre Chefredaktor» verdient, sagt Götte. «In der Nachkriegsschweiz existiert kein zweites Beispiel für eine solch vielfältige Schaffenskraft.»

Aufgewachsen als einziger Bub unter sechs Schwestern, Vater Ludwig Malermeister, Mutter Rosa Bäckereiverkäuferin, markierte Edgar schon als Schüler sein Lebensmotto «Ich schaffe es!», etwa als er zu Ostern Eier aus der eigenen Hühnerzucht verkaufte. Als HSG-Student gründet er die Oehler Gipserei (Ogip) und verbindet «Gips mit Grips», freilich erwähnt Götte auch die dreckigen Schuhe und den blutorangen 911er-Porsche nicht, mit dem Oehler an die Uni fährt. Geschafft habe er dann auch Gastsemester an den Unis in Zürich, Tokio und Dallas – und erst recht, noch keine 30, 1971 den Sprung in den Nationalrat: dank einem fulminanten Wahlkampf mit Wahlmobil im ganzen Kanton.

 

Chefredaktor mit spitzer Feder, Unternehmer mit Weitsicht

 

Oehler ist alles andere als ein Hinterbänkler, «er rennt ans Mikrofon, wann immer er etwas zu sagen hat», so Götte. 24 Jahre lang, bis ihn die Partei mit einer eigens beschlossenen «Lex Oehler» zum Rücktritt zwingt: Als Politiker bleibt er «bei Wahlen unbesiegt». «Er konnte und schaffte das» galt dabei für seine abenteuerliche Mission zur Geiselbefreiung beim irakischen Diktator (1990) wie auch für seine Zeit als Chefredaktor der Tageszeitung «Die Ostschweiz» (1972–85), zu dem ihn Kurt Furgler gemacht hatte (und damit den Jungpolitiker gar zu seinem Nachfolger im Bundesrat aufbauen wollte).

«Keiner war vor Oehlers spitzer Feder sicher», weiss Götte und nennt zwei Beispiele: «Das Eidgenössische Militärdepartement, wie es damals noch hiess, betitelt Oberst Oehler einmal geradezu prophetisch als «Problemschaffungsdepartement». Als «blödsinnig und schwach» taxiert Oehler in den 1970er-Jahren eine Initiative der Nationalen Aktion, die Ausländer aus der Schweiz ausschaffen will.

Zuoberst stand für Oehler immer der Einsatz für die Ostschweiz und das Rheintal: Als Saurer in Arbon rote Zahlen schreibt, erkundigt er sich mit einer dringlichen Interpellation beim Bundesrat nach Möglichkeit öffentlicher Aufträge für die darbende Belegschaft am Bodensee – «die Leute müssen Arbeit haben». Er drückt in Bern den Ausbau der Rheintalautobahn auf vier Spuren durch («die Todesstrecke muss weg») und ermöglicht in Widnau die Kunsteisbahn Mittelrheintal. «Die Schweiz hört für ihn eben nicht in Winterthur auf, sondern beginnt in der Ostschweiz», meint Götte. «Wir sind auch öpper!»

Später bewährt er sich als Unternehmer, Patron Jakob Züllig vertraut ihm die Arbonia Forster Gruppe (AFG) an, 2003 macht sie in ihrem besten Jahr 1,6 Milliarden Franken Umsatz. AFG Arena heisst bekanntlich bald auch das neue Stadion des von Oehler mitfinanzierten FC St.Gallen – der FCSG ist «eine von ganz vielen Leidenschaften, die Edgar Oehler mit allen Facetten gepflegt hat».

 

«Hinter jedem starken Mann steht eine stärkere Frau»

 

Zuallererst geht es an dieser Trauerfeier freilich um die Hinterbliebenen: Oehlers Frau Marianne, geborene Metzler und Primarlehrerin in Berneck, seit der Heirat 1976 unerschütterlich an seiner Seite, und die vier Töchter Barbara, Andrea, Melanie und Caroline. Seit 1980 hatte «Papi insgesamt fünf Frauen im Haus, welche sein Leben bunter, aber auch diffiziler gestalteten», wie die jüngste Tochter in einer Familienchronik schrieb. Sowohl Pfarrer Changeth als auch Michael Götte betonen den Rückhalt, den die Gattin bei allen Aktivitäten Oehlers und auch in schwierigen Zeiten gab – sie war die «wahre Säule seines Erfolgs», ganz nach dem Motto «Hinter jedem starken Mann stehe eine noch stärkere Frau». Den Familiensinn belegt auch die Aufnahme von Oehlers Eltern ins Eigenheim im Grünenstein, als diese krank und pflegebedürftig werden.

Bei allem, was Oehler geleistet habe, liege «sein wahrer Schatz nicht im Erfolg», sagt Changeth, «sondern in den Beziehungen zu den Menschen, denen er sich mit Fürsorge und Grosszügigkeit gewidmet hat.»

Umrahmt wird der würdige Trauergottesdienst von der Organistin Michaela Loher und von Peter Lenzins Bläserquintett – das spielt wunderbare Stücke von Ennio Morricone («Love Song») und Tomaso Albinoni. Und zum Schluss den für Bläser adaptierten «Edgar-Oehler-Marsch» – ein lüpfiger, geradezu fröhlicher Abschied, der dem beherzten «Sturmlauf durchs Leben» entspricht. Im «Ochsen» gibt es hernach, was Oehler selber gern ass: Kalbsbraten, Pommes frites, dreierlei Gemüse … und natürlich keinen Spinat, den mochte er nie. Die Trauerrunde wird sein Lachen im Ohr und noch manch legendäres Zitat mitgenommen haben: «Nur die gerade Linie zählt!»

 

Weitere News

An den Anfang scrollen